Aufruf zum Nachdenken und Diskutieren:

Können alte Menschen nicht doch noch auf vielfältige Weise für andere da sein, auch wenn sie zur Risikogruppe gehören? Denn auch alte Mensch brauchen das Gefühl, für andere da sein und helfen zu können! Diakonin und Diplom-Sozialpädagogin Ute Zeißler von der Fachstelle ÄlterWerden im Kirchenkreis Hamburg West/Südholstein lässt uns an ihren Gedanken und ihren Ideen teilhaben.

Wir alle haben schnell dazugelernt und uns auf die neue Situation eingerichtet

Als der Lockdown gerade begonnen hatte, saß uns der Schock und das Unwirkliche in den Gliedern. Doch schnell versuchten wir, uns mit der Situation auseinanderzusetzen. Mittlerweile sind wir Hauptamtlichen Profis für neue Formate mit Social Distincing geworden: Homeoffice, Videogottesdienste, Zoomkonferenzen – alles jetzt vertraute Begriffe und Techniken. Manch eine oder einer, die oder der den digitalen Medien bis dahin reserviert gegenüberstand, ist mittlerweile froh: Es ist immerhin besser als nichts, und auch, wenn wir vielleicht nie dicke Freundinnen werden, so sind Social Media doch gute Partner geworden.

Auch was die Hilfsangebote angeht, haben wir mit Kreativität und Ideenreichtum Fahrt aufgenommen und das alles – für unser sonst eher behäbiges Kirchenschiff – in großer Geschwindigkeit. Ich bin beeindruckt, begeistert und oft gerührt. Von der befürchteten „Jeder ist sich selbst der Nächste-Mentalität“ ist nicht viel zu spüren, stattdessen große Hilfsbereitschaft und Fürsorge zum Beispiel für die Älteren.

Unbehagen, das mich beschleicht

Ja und genau da beschleicht mich ein gewisses Unbehagen. Sicher: Nächstenliebe war schon immer unser Anliegen in Kirche und Diakonie: Wer, wenn nicht wir Kirchenleute, sollten uns um Kranke und Schwache kümmern, aber gleich eine große Bevölkerungsgruppe dazu zu erklären, macht mich doch ziemlich unruhig. Rutschen wir womöglich wieder in ein defizitäres Altersbild?

Mein Anliegen zum Nach- und Weiterdenken

Können wir uns vorstellen, dass auch diejenigen, um die wir uns in der jetzigen Zeit besonders kümmern, weil wir sie zur Risikogruppe rechnen, und weil sie nicht aus dem Haus gehen sollen, dass genau diese Menschen auch hilfreich werden können für andere?

Kleiner Exkurs: Wer sind überhaupt die Älteren?

Und wer sind überhaupt die Älteren? Nehmen wir die Kohorten von 60 – 100 Jahren, so stecken darin mindestens zwei Generationen. Das biologische Alter spielt in der Altersforschung eine eher untergeordnete Rolle; viel wichtiger sind zum Beispiel Bildung, Gesundheit und soziale Kontakte für eine ganzheitliche Altersbestimmung. Aus vielen Studien wissen wir, dass dies die diverseste Bevölkerungsgruppe überhaupt ist. Mit dem höchsten Anteil an gesellschaftlichem Engagement. Sie trägt Verantwortung in Gemeinde, Vereinen und Initiativen, in Schulen, Kitas und in ihren eigenen Familien. Es gibt Weltenbummler*innen und Sportskanonen. Meist denken wir dann an die sogenannten jungen Alten: fit, dynamisch und mobil.

Das „Helfensbedürfnis“ bleibt auch bei den alten Menschen

Auch wenn Fähigkeiten nachlassen und der Unterstützungsbedarf zunimmt, heißt das noch lange nicht, dass das Interesse an der Welt und an anderen Generationen, und auch die Hilfsbereitschaft nachlassen. Die Art der Unterstützung mag sich ändern, aber das „Helfensbedürfnis“ bleibt. Da stimme ich Klaus Dörner zu, der diesen Begriff geprägt hat. Er spricht davon, dass jeder Mensch jeden Tag das Gefühl braucht, wichtig für andere zu sein. Auch Selbstwirksamkeit ist heilsam.

Und so könnte es gehen

Warum sollte eine Frau mit Vorerkrankungen nicht zuhause oder im Pflegeheim für andere Briefe schreiben? Oder Gebete schönschreiben, die dann an die Kirchentür gehängt werden, Segenskarten malen oder täglich jemanden anrufen, der oder die ebenfalls isoliert in den eigenen vier Wänden sitzt. Vielleicht hat sie auch ihr Leben lang genäht und könnte jetzt Masken fabrizieren. Warum soll nicht einer, der seine Enkel*innen nicht sehen darf, am Telefon Geschichten für die Kinder alleinerziehender Mütter oder Eltern im Homeoffice vorlesen, damit die mal ein paar Minuten konzentrierter arbeiten oder das Essen vorbereiten können. Vielleicht sogar mit Bild, denn sehr viele der über 80 Jährigen verfügen über Tabletts und können mit Skype umgehen – allen Vorurteilen zum Trotz.

Meine Mutter hat einen wunderbaren Balkon im Parterre mit direktem Zugang vom Bürgersteig. Ein kleiner Tisch und zwei Klappstühle davor gestellt und sie könnte Passant*innen und Nachbar*innen zu einem kleinen Klönschnack einladen – sie in sicherem Abstand auf dem Balkon. Ihr fällt die Decke auf den Kopf und sie leidet unter den fehlenden Kontakten. Und statt, dass wir Kinder überlegen, wie wir sie bei Laune halten, könnte sie selbst hilfreich für andere werden. Ich glaube das wäre viel nachhaltiger. Und wer weiß vielleicht entstehen aus diesen aus der Not heraus geborenen Kontakten tragfähige Beziehungen, wenn die Krise erst einmal Geschichte ist.

Ute Zeißler skizziert, wie es aussehen könnte... Foto: Ute Zeißler

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Ute Zeißler
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