Auferstehung in der Corona-geprägten Gegenwart

Sr. Francesca Redelberger aus der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard in Eibingen hat zu dieser Fragestellung eine „Corona-Ikone“ geschrieben.

Ikone von Sr. Francesca Redelberger OSB

Mit der Frage, was die Pandemie bedeutet, wo sich Veränderungen entwickeln und wo in der Corona-geprägten Gegenwart Auferstehung sichtbar wird, hat sich auch Sr. Francesca Redelberger im Lockdown beschäftigt und eine "Corona-Ikone" geschrieben. Die Ikone zeigt die Begegnung Maria Magdalenas mit dem auferstandenen Jesus: "Rühr mich nicht an".

Nachfolgend eine Bildmeditation, die von der die Berührung verweigernden Distanz zum spürbaren, heilenden Blick des Auferstandenen führt, von Sr. Francesca Redelberger. 

„Was stellen Sie sich unter Auferstehung vor?“  
- diese Frage richtete 1981 im Wintersemester Prof. Karlheinz Müller an die Erstsemester in Würzburg. Nach einigen Antworten wurde die Studentengruppe immer stiller. Seitdem begleitet mich diese Frage und geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

1983 im Gemeindepraktikum sagte mir Pfarrer Siegfried Bauer in der Fastenzeit: Es gibt zwei Predigtmöglichkeiten für dich: Karfreitag oder Ostersonntag. Such dir eine aus. Ich halte nur eine! Nach anfänglichem Entsetzen und Protest wählte ich die Osterpredigt. Den Slogan, „Es gibt keinen Tod ohne Auferstehung“ entnahm ich damals der Überschrift einer Zeitschrift, die Taize herausgab. Später kam mir, dass es auch einen Slogan für den Karfreitag gibt: Es gibt keine Auferstehung ohne Tod!

Februar 2021 – 2. „Corona-Februar“: Ich beginne eine Ikone zu schreiben. Das Motiv hatte ich mir schon lange vorgenommen: Maria Magdalena und der Auferstandene. Auch dazu gibt es Biographisches. Mein Taufname ist Maria. Während der Ausbildung zur Pastoralreferentin gab es einmal im Jahr Exerzitien bei der Mentorin des Geistlichen Zentrums in Würzburg, Heide Firnkes. In diesen Tagen wurde auch das Evangelium Joh 20,1.2.11-18 vorgelesen: die Begegnung Maria Magdalenas mit dem auferstandenen Jesus, den sie zunächst für den Gärtner hielt.  Bei der Stelle, als Jesus den Namen „Maria!“ rief, fühlte ich mich persönlich angesprochen und gerufen. Da hat Jesus „von innen“ angeklopft, wie es Kardinal Bergoglio am Vorabend seiner Papstwahl sagte, um dann hinauszugehen, und wir müssen ihm folgen, um allen zu sagen: „Ich habe den Herrn gesehen“. Nach so einer Erfahrung konnte ich plötzlich glauben, dass ER lebt. Die Ergriffenheit beim Hören des Evangeliums wiederholte sich immer wieder, bis dann die Erinnerung an die Ergriffenheit und der bloße Glaube blieb. Nun bin ich damit erst einmal in einer monastisch-kontemplativen Gemeinschaft gelandet. Da ist nichts mit „hinausgehen“. Oder doch? Soll vielleicht in diesem Jahr die Ikone ohne Worte etwas in dieser Pandemiezeit verkünden? Beim Schreiben der Ikone kam mir, dass es sich um eine „Rühr-mich – nicht – an –Ikone“ handelt, eine Corona-Ikone. Als Maria von Magdala nämlich auf den Ruf ihres Namens mit der erstaunten Anrede “Rabbuni! “ antwortet, sagt dieser zu ihr: „Rühr mich nicht an!“ Also Abstand! Nur keine Berührung! AHA-Regeln! Aber er sagt es nicht wegen eines Virus. Jesus erklärt, dass er noch nicht ganz beim Vater ist, den er jedoch seinen, aber auch unseren Vater nennt, seinen Gott und unseren Gott. Es ist, als wollte er damit ihn uns noch einmal zum Vater geben, zum Gott, der das Leben schenkt und das Leben ist, durch jeden Tod hindurch. Das muss auch Maria erkannt haben. Sie hat Gethsemani und Golgotha miterlebt. Und sie kann nun sagen, dass sie den Auferstandenen „gesehen“ hat, erlebt, gespürt hat, wie auch immer, sicher aber mit den Augen ihrer Seele, ihres Herzens. Und mit einem erfüllten Herzen wird sie nun zur Verkündigerin, zur Apostolin der Apostel. Sie weiß aber auch, dass ihre Vorstellungen sterben mussten. Ihre Ostererfahrung ist überwältigend anders als sie es erhofft hatte.

Und sie soll nicht bei ihr stehen bleiben, sondern weitergehen. Geh zu meinen Brüdern! Das Grab, zu dem sie sich aufgemacht hatte, ist leer. Jesus ist eben nicht im leeren Grab, wie er auch nicht in unseren leeren Kirchen zu sein scheint. Wir sollen ihn woanders suchen, in Galiläa! Dieses Galiläa von heute ist neu zu suchen.

Tomás Halik, der jetzt am 23. April 2021 vor den Zentralkomitee der Deutschen Katholiken eine sehr beachtenswerte Rede * gehalten hat über die Situation von Kirche und Glauben in der Pandemie, fragt darin auch: „Wo ist das Galiläa von heute? …Ich bin tief überzeugt, das Galiläa von heute ist die Welt der Suchenden, die in den Kirchen marginalisiert sind, die von der „organisierten Religion“ oftmals enttäuscht und verletzt wurden..“ Einen Baustein seiner Theologie nennt er den „Gedanken der resurrectio continua (der sich fortsetzenden Auferstehung) – eine Fortsetzung des Sieges Jesu über den Tod, über die Angst und die Schuld als ein lebensspendender Fluss, der in bestimmten Augenblicken in den persönlichen Lebensgeschichten der Gläubigen sowie der Geschichte der Kirche aus der Tiefe an die Oberfläche tritt – in den Augenblicken von Konversionen und Reformen, die durch Krisen und Prüfungen angekündigt werden.“

In meiner Osterpredigt damals als junge Studentin vor 38 Jahren sprach ich von der Auferstehung im Großen und im Kleinen und meinte damit diese sich in unsere Zeit hinein sich fortsetzende Auferstehung, die auch jetzt in dieser schwierigen und leidvollen Pandemiezeit Wirklichkeit ist. Die große Auferstehung, das Ostergeheimnis, die Realität des lebendigen Christus’, Gott und Mensch, und damit die Auferstehung des Menschen strahlt hinein in unser Leben, in das Leben jedes Einzelnen, jedes getauften Christen, aber auch hinein in unsere ganze Welt.

Wir befinden uns mitten im Garten mit einem leeren Grab! Der liebevolle, gütige Blick des Auferstandenen, des Rabbunis, möge auf allen Menschen spürbar, heilend, neues Ansehen gebend und segnend ruhen.

Sr. Francesca Redelberger OSB

Wir danken den Schwestern der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard in Eibingen (www.abtei-st-hildegard.de) für die Genehmigung der Veröffentlichung auf dieser Homepage.