LeseZeit – gut für die Seele in Zeiten von Corona – , hier ein Buchtipp: Die Inselpastorin – Mein Leben mitten in der Nordsee von Pamela Hansen

Ein Buch, bei dem mir beim Lesen das Herz aufgeht. Auf unterhaltsame Art erfährt man etwas vom Berufsalltag und Leben der Pastorin auf Helgoland. Gleichzeitig fliegen meine Gedanken bei der Lektüre aber auch nach Helgoland und ich möchte wissen, wie es den Insulanerinnen und Insulanern jetzt während der Coronazeit wohl so geht. Petra Müller von der Fachstelle Alter der Nordkirche berichtet…

Ich hatte Lust, das Buch zu lesen

Anfang März sah ich Pamela Hansen in der NDR-Talkshow. Im Gespräch mit Bettina Tietjen erzählte sie sprudelnd und sehr interessant von ihrem Berufsalltag als Pastorin auf Helgoland und dem Leben auf der kleinen, felsigen Hochseeinsel. Anlass des Gespräches war ihr erstes Buch mit dem Titel „Die Inselpastorin – Mein Leben mitten in der Nordsee“, das kurz vorher auf dem Buchmarkt erschienen war. Schon während der Sendung bekam ich Lust, das Buch zu lesen. Doch dann habe ich es erst einmal aus dem Blick verloren. Vier Wochen später war ich aber wieder auf das Buch aufmerksam geworden, nämlich über einen längeren Artikel mit der Überschrift „Wenn die Inselpastorin erzählt“, der in der Evangelischen Zeitung erschienen war. Und da war sie wieder: Die Lust, das Buch zu lesen. Ich griff zum Telefon und rief in der Evangelischen Bücherstube in Kiel an: „Hallo, Herr Peters-Leber, haben Sie „Die Inselpastorin“ auf Lager? Und wenn ja: Können Sie mir ein Exemplar zuschicken?“ Einen Tag später hielt ich das Buch in den Händen. Das Cover mit den typischen Helgoländer Hummerbuden hob gleich meine „Corona-Stimmungslage“.

Was die Inselpastorin alles zu erzählen hat…

„Solange es nicht Hallig Hooge oder Helgoland wird, ist alles okay.“ Das waren die Worte des damaligen Mannes von Pamela Hansen, als sie nach einem fünfjährigen Auslandsaufenthalt überlegten, wo sie in Deutschland eine Pfarrstelle annehmen könnte. Eine weitere Bedingung war: Landschaftlich schön sollte es sein! Als sie dann vom Gespräch aus dem Landeskirchenamt in Kiel zurückkam, wusste sie nicht so recht, wie sie es ihrem Mann sagen sollte, dass ihr tatsächlich eine Pfarrstelle auf Helgoland angeboten worden war. – So beginnt das Buch… Pamela Hansen nahm die Herausforderung als Inselpastorin an einem landschaftlich schönen Ort an. Nun arbeitet und lebt sie schon neun Jahre auf der kleinen Hochseeinsel und möchte da gar nicht mehr weg.

 

Die Inselpastorin hat viel aus ihrem Berufsalltag mitten in der Nordsee und ihrem Leben auf dem felsigen Eiland zu erzählen. Sie schreibt humorvoll und in einer herzerwärmenden Weise. „Herzerwärmend“ übernehme ich von dem Text auf dem Buchrücken, denn so ist es wirklich: herzerwärmend. Man spürt ihr Liebe zu ihrem Beruf ab, aber auch, wie gerne sie dort lebt und wie schnell sie Teil der Inselgemeinschaft geworden ist. Man bekommt einen Eindruck, wie Kirche dort draußen funktioniert und welch andere Rahmenbedingungen dort sind. Sie erzählt Geschichten und Episoden: von den Glocken, die an Heilig Abend nicht auszustellen waren und einfach weiterläuteten; von der Gemeindesekretärin, die gelegentlich vom Festland auf die Insel kommt; was passiert, wenn die Urne nicht rechtzeitig mit dem Schiff zur Beerdigung eintrifft; wie die Pastorin ihren freien Tag auf der Düne verbringt; was sie tut, wenn dringend ein Druckerkabel gebraucht wird, aber Nebel auf dem Festland ist, so dass das Flugzeug mit dem Kabel im Frachtraum nicht starten kann; wie sie Seebestattungen durchführt, obwohl sie seekrank ist; dass sie nur bis Windstärke 3 ihre Haare offen tragen kann; von ihrem Engagement in der Freiwilligen Feuerwehr… All das muss ich hier gar nicht nacherzählen, dass sollte Ihr eigenes Lesevergnügen werden!

Was mir beim Lesen dieses wunderbaren Buches durch den Kopf ging…

Normalerweise würde ich so ein Buch ziemlich schnell lesen. Doch jetzt, in der Choronazeit, habe ich mir Zeit gelassen, so als wollte ich möglichst lange in dieser Erzählwelt, in dieser Inselwelt bleiben. Ich habe es nicht auf einen Rutsch durchgelesen, sondern jeden Tag zwei, drei Kapitel. Immer wieder kamen mir beim Lesen Erinnerungen an eigene Ausflüge nach Helgoland oder auch an Zeiten auf anderen Inseln. Das tat der Seele gut, in der Erinnerung die Salzluft zu schmecken, die Wolken am blauen Himmel vorbeiziehen zu lassen, den Wind zu spüren und den Sand zwischen den Zehen. Sich zu erinnern, das ist eine Ressource vor allem auch in Zeiten, die schwierig sind, aber auch im Alter.

Vielleicht aber habe ich auch aus einem anderen Grund noch so lange zum Lesen gebraucht. Denn mir war klar, dass die beschriebene Helgoländer Kirchen- und Inselwelt jetzt auch ganz anders aussieht. Wie gehen die Insulanerinnen und Insulaner damit um, dass ihre Insel abgeriegelt ist, fragte ich mich. Aber auch, wie es den Menschen dort wohl geht, wie sie die Coronazeit erleben? Wie sieht der Alltag der Inselpastorin jetzt aus? Wie ist sie mit den älteren und alten Menschen ihrer Kirchengemeinde in Kontakt? Wie hält man Abstand? Wie viele Existenzen stehen dort auf dem Spiel?

Wie geht es derzeit den Helgoländern, die gemeinsam auf ihrer Insel in Quarantäne sind…

Telefonieren ist momentan ja wieder in. Und so habe ich einfach die Inselpastorin angerufen. Ich plauderte mit Pamela Hansen und habe sie das eine und andere gefragt. Sie war am Telefon so lebendig und sprudelnd, wie ich sie in der Talkshow schon erlebt habe. Noch gibt es keinen „Coronafall“ auf der Insel, berichtet sie. Dass das so ist und so bleibt: Deshalb sind die Inseln in Nord- und Ostsee in Quarantäne. Die alten Menschen auf Helgoland erinnern sich an den Krieg und sagen: „Damals nach dem Bombenangriff im April 1945 wurden wir evakuiert. Die Insel lag in Schutt und Asche. Das haben wir überstanden, dann werden wir das jetzt auch überstehen.“ Auch die Helgoländer sind froh, dass die Sonne sie derzeit verwöhnt. Da kann man gut auch draußen sein, mal auf einer Bank sitzen, auf der sonst Touristen sitzen, und unter Einhaltung der Abstandsregel mit denen klönen, die vorbeikommen. Bei allen auf der Insel – wie auch auf dem Festland – müssen Bewusstsein und Einsicht für das Risiko wachsen. Es ist trügerisch, sich im Sicheren zu wähnen, nur weil die Insel noch „coronafrei“ ist. Die Seniorenarbeit auf Helgoland findet normalerweise immer nur im Spätherbst und Winter, also in der tourismusarmen Zeit, statt. Die Pastorin macht es wie viele andere in dieser Zeit: Sie greift zum Hörer und ruft „ihre“ Seniorinnen und Senioren an. Und auch in der St. Nicolai-Kirchengemeinde auf Helgoland ist es so, dass viele der Ehrenamtlichen zur Risikogruppe gehören. Die fallen aus -, das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass sich die Ehrenamtlichen nicht engagieren können, was sie normalerweise so gerne tun.

Petra Müller
Referentin der Fachstelle Alter der Nordkirche

Pamela Hansen
Die Inselpastorin
rororo Verlag, März 2020
288 Seiten, Taschenbuch
ISBN 978-3-499-00066-9
15 Euro