Fachstelle Ältere

Alt werden in Deutschland Potenziale und Teilhabechancen älterer Menschen

Bericht des digitalen Fachtages am 08.10.2025

Über 110 Teilnehmende aus Kirche, Wohlfahrt, Kommune, Wissenschaft und Praxis folgten am 
8. Oktober der Einladung zur Online-Fachtagung rund um den Neunten Altersbericht der Bundesregierung. Ein Vormittag voller Impulse, Diskussionsstoff und Praxisideen, der eindrucksvoll zeigte: Altern ist vielfältig – und die Frage der Teilhabe älterer Menschen hochaktuell.

Türen öffnen, Horizonte weiten

Zum Auftakt betonte Eva Maria Welskop-Deffaa, Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, die Chancen und Schattenseiten des Alterns: Während viele Menschen die gewonnenen Lebensjahre als Geschenk erleben, so sind auch Themen wie Einsamkeit oder Altersdiskriminierung präsent. Orte des Miteinanders, an denen ältere Menschen willkommen sind und Sinn stiften können, seien deshalb entscheidend. Kirche, so Welskop-Deffaa, könne hier zu einem Brückenbauer werden. Mit Blick auf politische Reformprozesse mahnte sie: „Wir müssen das Miteinander der Generationen im Blick behalten, damit der Dialog zukunftsfähig bleibt.“

Der Altersbericht im Fokus

Einen tiefen Einblick in die Ergebnisse des Neunten Altersberichts gab Prof. Dr. Klaus Rothermund von der Universität Jena. Zentrale Leitidee: selbstbestimmte Teilhabe. Wo diese fehlt, entstehen Diskriminierung, Zwang oder Ausschluss.

Besonders alarmierend: Die Armutsgefährdung älterer Menschen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, vor allem bei Frauen und Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Auch die Wohnsituation sei ein entscheidender Teilhabefaktor – sozialer Wohnungsbau gehe jedoch seit Jahren zurück.

Rothermund plädierte für flexible Altersgrenzen im Arbeitsleben, niedrigschwellige Bildungsangebote und bessere Unterstützung für pflegende Angehörige. Ehrenamt im Alter sei kein Selbstläufer, sondern baue auf frühere Erfahrungen auf – darum müsse Engagement bereits in jüngeren Jahren gefördert werden.

Ein zweiter Schwerpunkt war die Rolle von Altersbildern. Sie prägen nicht nur, wie ältere Menschen gesehen werden, sondern auch, wie sie selbst ihr Leben gestalten. „Wir diskriminieren uns manchmal selbst“, so Rothermund, und verwies auf Studien, die zeigen: Wer positive Altersbilder verinnerlicht, lebt nachweislich gesünder und länger. Sein Appell: Alter neu denken – als vielfältige Lebensphase mit Potenzial.

Kirche als Raum für Teilhabe

Prof. Dr. Thomas Klie legte anschließend den Fokus auf die kirchliche Perspektive. Er hob hervor, dass Kirche, Diakonie und Caritas besonders gefragt seien, wenn es um sozial benachteiligte Gruppen, beispielsweise Menschen mit Migrationsgeschichte oder LSBTI* gehe. Auch wenn kirchliche Angebote oft „mittelschichtorientiert“ seien, müsse der Blick auf die besonders verletzlichen Älteren gerichtet werden.

Klie forderte, Kirche müsse Multiplikatorin gegen Altersdiskriminierung sein, Orte der Zugewandtheit schaffen und ein „hörendes Herz der Gesellschaft“ werden. Besonders eindringlich: Sein Plädoyer, den Fokus auf jene zu legen, die Ansprüche auf Grundsicherung hätten, diese aber nicht nutzten – statt auf Missbrauchsdebatten zu schauen.

Sein Fazit: Teilhabe muss selbstbestimmt, gleichberechtigt und mitverantwortlich geschehen. Kirche könne hierfür Sehnsuchtsorte und Netzwerke des Zusammenhalts bieten – gerade in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung.

Praxis, Austausch und Inspiration

Im zweiten Teil der Tagung wurde es konkret: In Kurzworkshops präsentierten Akteure vielfältige Projekte – von digitalen Plauderstunden über KI-gestützte Unterstützung im Alltag bis hin zu künstlerischen Zugängen für Menschen mit Demenz. Auch Fragen nach altersfreundlicher Arbeitgebendenkultur, barrierefreiem Wohnen oder Begegnungsräumen für Ältere mit Migrationsgeschichte standen im Fokus. Der Austausch machte deutlich, wie groß die Innovationskraft und das Erfahrungswissen in diesem Feld sind.

Motivation und Segen zum Schluss

Zum Abschluss sammelten die Teilnehmenden ihre Eindrücke in Wortwolken: Motivation, Ermutigung, neue Ideen, Bereicherung waren häufige Schlagworte. Die Fachtagung überzeugte durch spannende Referent*innen, eine lebendige Mischung aus Theorie und Praxis sowie den Blick auf konkrete Handlungsperspektiven.

Mit einem Reisesegen endete die Veranstaltung – und viele gingen mit dem Gefühl auseinander, nicht nur Denkanstöße, sondern auch Ermutigung für ihre Arbeit gewonnen zu haben.

Die Fachveranstaltung zeigte eindrücklich: Altwerden in Deutschland ist kein Randthema, sondern betrifft die Gesellschaft als Ganzes. Teilhabe älterer Menschen zu sichern und ihre Potenziale zu entfalten, bleibt eine zentrale Aufgabe – für Politik, Gesellschaft und Kirche gleichermaßen.

Nele Marie Tanschus

Referentin Fachstelle Familien der Nordkirche