Besser hören und Verstehen in Corona–Zeiten

Wir leben in Zeiten mit Masken. Maskenpflicht und Abstandhalten bedeuten für alle eine Barriere in der Kommunikation. Für Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung kann sie unüberwindlich sein. Ihnen fehlt nun das sichtbare Mundbild. Pastorin Julia Rabel vom HörRaum Kirche – Schwerhörigenseelsorge in der Nordkiche berichtet von Ihren Erfahrungen.

Sehr viele können nun bruchstückhaft Gehörtes nicht mehr von den Lippen absehen. Der gebotene Abstand ist eine zusätzliche Barriere. Verständlich also die Verlockung, ihn intuitiv zu verkleinern, um einander wieder zu hören und zu sprechen. Einigen wird vielleicht überhaupt erst jetzt bewusst, wie schwer sie ihr Gegenüber verstehen, wie sehr ein Hörverlust doch schon fortgeschritten ist. Mancher Protest gegen die Masken mag auch von dieser unbehaglichen Erkenntnis herrühren. Andere jonglieren mit dem Trio Brille, Hörgerät und Maskengummi, das könnte leicht zur Slapstick-Vorstellung werden – aber es ist nicht zum Lachen. Denn trotz der Unübersehbarkeit der vielen Akustikfachgeschäfte ist das Thema Hörbeeinträchtigung eher verdrängt und nicht selten mit Scham besetzt – es betrifft mindestens jede/n Dritte/n ab 50 Jahren. Immer noch werben Akustiker offensiv mit den unsichtbaren Hörgeräten obwohl sie weniger leisten können als sichtbare Hörsysteme.

Wenn die Maske fällt…
Doch nun ist es kaum noch möglich, vor sich selbst oder anderen zu verstecken, dass das Hören und Verstehen schon länger Mühe machen. Diese Maske fällt nun. Meine Hoffnung ist, dass das nicht nur schmerzhaft ist, sondern sich eine erhöhte Sensibilität entwickeln kann, mehr Verständnis für sich selbst und füreinander. Und für das Wunder des Hörens.
Der Alltag mit Maske und Abstand kann aber deutlicher als bisher enthüllen, was für alle gut ist: Eine hörsensible Gestaltung von Veranstaltungen und eine hörgerechte Ausstattung von Räume hilft allen, Hörstress zu vermeiden. Dieser kann auch unbemerkt, aber nicht weniger wirksam entstehen und bedeutet: Das Zuhören wird anstrengend, Reizbarkeit und Ungeduld wachsen, Konzentration, Interesse und Beteiligung schwinden. Konflikte liegen in der Luft, ohne so genau fassbar zu sein. Anschließend ist man abends müder als man sich erklären kann.

Einen barrierearmen HörRaum Kirche ermöglichen
Hören und Verstehen, Kommunikation und Feier für alle zu erleichtern, da ist an vielen Orten in unserer Kirche noch sehr viel Luft nach oben. Übrigens auch im Freien. Vermutlich werden in diesem Sommer viele Zusammenkünfte und Gottesdienste draußen stattfinden. Umso wichtiger für die Teilnehmenden, sich willkommen zu wissen in einem barrierearmen HörRaum Kirche. Es muss nicht immer viel Geld kosten, es gibt niedrigschwellig gute Beratung – genau jetzt ist eine gute Zeit, dieses Thema in den Fokus zu nehmen.

Möglichkeiten sind…

  • Beratung wahrnehmen (Kontakte siehe unten).
  • Eine mobile Höranlage anschaffen (um die 5000 Euro)  – so etwas wird großzügig bezuschusst z.B. von der Aktion Mensch (sie kann drinnen und draußen in allen Veranstaltungsformen eingesetzt werden).
  • Für Gruppen und Gremien eine kleine mobile Anlage anschaffen (ca. 1700 Euro). Die kleine Anlage kann bei mir ausgeliehen werden, für große bitte bei mir nachfragen.
  • Kirche – und Gemeinderäume überprüfen: was ist da? Und lässt sich Induktionstechnik einbauen bzw. erneuern? Welche anderen Faktoren können verbessert werden (Licht, Entfernungen, 2 – Sinne-Prinzip).
  • Die Anschaffung von ausleihbaren Kopfhörern erwägen (Hygiene ist machbar).
  • Besondere Veranstaltungen frühzeitig mit Schriftdolmetscher*innen planen.
  •  Piktogramme gut sichtbar einsetzen.        
"Snutenpulli" mit Piktogramm

Foto: Julia Rabel

„Snutenpulli“ mit Piktogramm
Vielleicht werden wir noch lange mit Mundnasebedeckung, norddeutsch schon „Snutenpulli“ genannt, zusammenkommen. Zusammen mit dem Bund der Schwerhörigen e.V. in Hamburg habe ich eine Maskenproduktion initiiert, die nicht ohne Ambivalenz ist. Das Piktogramm macht auf eine Hörbeeinträchtigung aufmerksam. Bedeutet das eine Stigmatisierung? Manche sehen es so. Andere sehen die Chance, ins Gespräch zu kommen, erklären und sensibilisieren zu können. Wir nehmen die Ambivalenz in Kauf, um Erfahrungen zu sammeln. Vielleicht kann die ungeliebte Maske, so bedruckt dazu beitragen, das Thema Leben und Umgang mit Hörverlust raus aus der Nische zu bringen. Die „Snutenpullis“ mit Piktogramm können bei mir oder beim Bund der Schwerhörigen bestellt werden.

Kontakt- und Beratungsmöglichkeiten
Nehmen Sie gern Kontakt zu mir auf, um Ihre Situation vor Ort zu besprechen oder hilfreiche Informationen, Materialien und Links zu erhalten:

Pastorin Julia Rabel
Pfarrstelle HörRaum Kirche – Schwerhörigenseelsorge in der Nordkirche.
T. 040 5131 66 59
julia.rabel(at)seelsorge-nordkirche.de

Beste Beratung für Technik und mehr gibt es in Hamburg beim Bund der Schwerhörigen,
Wagnerstraße 42 , www.bds-hh.de // T. 040 – 291 605

„Hörsamkeit in Räumen“ – ein Buch, in dem die DIN-Norm 18041 für hörgerechtes Planen und Bauen erläutert wird. Alle Bauverantwortlichen sollten es kennen. https://www.carsten-ruhe.de/barrierefreiheit/kommentar-zu-din-18041-ist-erschienen/