Erwarten wir getrost, was kommen mag

– Gedanken zu den Kar- und Ostertagen

von Petra Müller, Fachstelle Alter der Nordkirche

Normalerweise sind viele von uns in der Karwoche damit beschäftigt, alles für die Ostertage vorzubereiten oder sich auf den Weg in den Urlaub, in die Ferien zu machen. Vorfreude auf freie Tage, hoffentlich mit Sonne, Vorfreude auf einen Besuch bei Verwandten und Freunden. Letztes Proben der Chöre für die Gottesdienste an Karfreitag und Ostern. Doch nichts ist in diesem Jahr normal, alles ist anders – nicht nur äußerlich, es fühlt sich auch anders an. Uns bewegen ernste Gedanken, die Seelen sind „aufgeschreckt“, wie es in dem Text „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ von Dietrich Bonhoeffer heißt. Wir machen uns Sorgen. Wie geht es weiter? Wann wird das Leben wieder normal sein? Wir können von Glück sagen, dass die Sonne uns gerade wärmt und erfreut.

Wenn wir es recht bedenken, dann sind wir mit unserem Gestimmtsein und Erleben dem Wesen der Karwoche, die das Leiden und Kreuz bedenkt, irgendwie aber doch sehr nahe – wenn auch gezwungenermaßen. Eine Zeit, die eigenen Sorgen und Ängste „auszuworten“, ein offenes Ohr zu finden und anderen sein Ohr zu leihen.

Vor 75 Jahren, am 9. April 1945 – in diesem Jahr ist es der Gründonnerstag –, wurde Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet. Vielleicht haben Sie die Melodie des Liedes „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ im Ohr. Dieser Text, dieses Gedicht war ein Weihnachtsgruß an seine Verlobte und seine Familie. Weihnachten kommt darin jedoch gar nicht zur Sprache, vielmehr der Umgang mit einer ungewissen Zukunft. Deshalb ist das Lied im Evangelischen Gesangbuch (EG 65) auch dem Jahreswechsel zugeordnet. Der Abend und die Nacht des Gründonnerstages ist eine Zeit des Gebetes. „Wachet und betet mit mir“, bittet Jesus seine Jünger. Vielleicht mag ich an diesem Tag, in den Stunden des Abends eine Kerze anzünden und ein wenig still werden – vor Gott. Ich kann die Namen der Menschen, die mir nahestehen und die mir „auf dem Herzen liegen“, im Gebet vor Gott bringen. Und vielleicht kann auch ich mich in einem Wort, in einem Text, im Gebet geborgen wissen.

Am Karfreitag nimmt das Leid unaufhaltsam seinen Lauf. Die Schwere des Kreuzes lastet auf Jesu Schultern. Nicht nur jeder und jede Einzelne spürt gerade die „Corona-Last“ auf den Schultern, nein: die ganze Welt hat zu tragen. Wir alle miteinander.

Es ist schon lange her, dass ich einige Jahre lang täglich mehrmals in der Kirche St. Michael auf dem Schwanberg zusammen mit der Communität Casteller Ring das Stundengebet gesungen habe. In der Mitte der Kirche der Altar, um den herum wir gesessen haben. Die zwölf Zentner schwere, quadratische Granitplatte des Altars wurde im Steinbruch von Flossenbürg gebrochen. Sie ist Sinnbild für schweres, ja untragbares Leid.

Dieser mir sehr vertraute Altar steht mir in diesen Tagen und Wochen immer wieder vor Augen. Seine Gestaltung lässt mich ahnen, mit allen Sorgen und Ängsten doch auch getragen zu sein. Denn: Die Granitplatte wird von acht in Bronze gegossenen Engeln getragen.
 

Kirche St. Michael der Communität Casteller Ring auf dem Schwanberg

Foto: Petra Müller


Vielleicht „verkörpern“ diese Engel etwas von den „guten Mächten“, die mich auf wundersame Weise doch immer wieder auch geborgen, froh und zuversichtlich sein lassen, die mich die Sonne spüren lassen, die mir Freude über einen Anruf, eine Karte, eine Mail schenken oder ein Lächeln, das mich auf dem Weg erreicht.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

An einem Tag im Homeoffice war ich sehr berührt, als diese Klänge an mein Ohr kamen. Meine Nachbarin, die unter mir wohnt, spielte das Lied auf der Flöte. Ich konnte gar nicht anders als mitsingen. Es war fast ein kleines Mittagsgebet, und ich hätte es schön gefunden, wenn sie alle Strophen geflötet hätte und nicht nur drei. Lange noch klang die Melodie in mir nach und hat mich weiter durch den Tag begleitet.

In diesem Jahr werden keine Andachten und Gottesdienste in unseren Kirchen und mit einer dort versammelten Gemeinde stattfinden. Und auch die Kirchenmusik schweigt in der Form, wie wir es gewohnt sind. Keine Feier der Osternacht oder des Ostermorgens, kein Osterfrühstück im Gemeindehaus. Alles findet auf andere Weise statt. Ostern fällt aber trotz Corona nicht aus. Das ist doch endlich einmal eine gute Nachricht!

Vielleicht sind die Glocken am zuverlässigsten. Gewöhnlich und liturgisch schweigen sie ab Gründonnerstagabend. In der Osternacht schwingen sie sich zum Halleluja wieder auf. Sie tragen die Osterbotschaft in die Welt. So auch gewiss in diesem Jahr an Ostern.

Noch einmal zurück zum Altar in der Kirche St. Michael auf dem Schwanberg. Alles Schwere lege ich dort ab. Ich trete einige Schritte zurück und stimme ein in den alten Osterruf:

„Der Herr ist auferstanden, halleluja!
Er ist wahrhaftig auferstanden, halleluja!“

Dreimal hintereinander wird dieser Ruf gesungen. Zu Beginn erklingt er eher noch zaghaft, doch dann bricht er sich kräftig seine Bahn. Denn: Das Leben ist stärker als der Tod. Christus hat den Tod überwunden. Er ist auferstanden, halleluja!

Diese Nachricht braucht es in diesem Jahr deutlicher denn ja. Diese Hoffnung braucht mein Vertrauen, mein Gottvertrauen und den Blick nach vorne in eine ungewisse Zeit und Zukunft. Vielleicht gelingt es uns ein wenig oder immer wieder einmal, mit der österlichen Hoffnung getrost abzuwarten, was kommen mag oder aber gegen die Sorgen anzusingen. Singen berührt die Seele, singen macht froh, singen verbindet – wir sehen ja, wie befreiend und Mut machend das Singen in Coronazeiten ist.

 

Frohe Ostern und bleiben Sie gesund und wohlbehütet!

Ihre Petra Müller