Lasst uns wieder mehr telefonieren

Wir können uns nicht besuchen und sehen, aber sprechen können wir uns. Zeit für einen Anruf!

Foto: Mike Meyers | Unsplash

Meine Oma ist 81 Jahre alt. Sie lebt allein in einer anderen Stadt, die ich innerhalb von 40 Minuten mit dem Auto erreichen kann. Ich schaffe es neben meiner Arbeit, meiner Familie, meinen anderen Verpflichtungen sie circa einmal im Monat zu sehen.

Sie hat kein Smartphone. Ihr Bilder und Videos zu schicken, ist mir also nicht möglich. Ein old-school Handy hat sie seit 5 Jahren und schreibt mittlerweile super SMS. Da ist die Kommunikation aber meist auf wenige Zeichen begrenzt.

Aber eine Sache gibt es, die unterstützt uns super dabei, dass wir eine so gute und enge Beziehung haben. Mit dieser Sache kennt sie sich gut aus und eigentlich jede*r hat eines davon: Das Festnetz-Telefon.

Schon vor Corona war es in unserer Familie so, dass das gute alte Telefon das Mittel unserer Wahl war. Schnell mal durchrufen und hören, ob alles gut ist. Wunderbar einfach.

Vorteile des Telefonierens

Was gefällt mir am Telefonieren? Spontan in den Sinn kommt mir:

  • An der Stimme erkenne ich mit etwas Übung ganz gut, wie es ihr geht.
  • Wir können Themen auch mal tiefergehend und ausführlich besprechen.
  • Telefonate eignen sich super, um den anderen über ein längeres Gespräch hinweg auf andere (positive) Gedanken zu bringen.
  • Wir können miteinander lachen.
  • Wir können Sorgen und Ängste teilen und uns gegenseitig Mut machen.
  • Meine Oma fühlt sich mit ihren Nöten und Problemen gehört. Sie erfährt, dass sie nicht allein damit ist. Zusammen können wir sogar Lösungen finden.
  • Wir teilen miteinander schöne Erlebnisse und halten den Blick für das Gute in dieser Welt wach.
  • Wir fühlen uns einander nahe und verbunden, weil wir unser Leben miteinander teilen.

 

Anrufen: Die Initiative muss von uns ausgehen

Die Initiative zum Anrufen geht jedoch meist von den anderen Familienmitgliedern und nicht von meiner Oma aus. So ganz genau weiß ich bis heute nicht, warum das so ist. Vielleicht denkt sie, wir alle haben immer so viel zu tun und sie würde dann gerade mit ihrem Anruf stören. Oder sie kommt mit den mittlerweile vielen Nummern (viele von uns haben ja Festnetz und Handy) nicht zurecht und weiß dann nicht, ob die Nummer, die sie gerade anruft, vielleicht hohe Kosten verursacht (in einigen Tarifen ist es heute noch so, dass Telefonate ins Mobilnetz teuer sind). Wir haben sie unzählige Male dazu einladen, sie könne jederzeit anrufen, wenn ihr danach ist. Mittlerweile steht für uns fest: Es ist am besten, wir übernehmen hier die Verwantwortung und rufen an. Damit sparen wir uns den Stress nach der Frage, wer denn jetzt hätte anrufen sollen. Und was soll ich sagen: Es klappt wunderbar!

Teilt euch auf! Zusammen schaffen wir das locker.

Wenn möglich, teilt euch auf. Meine Mutter ruft einmal am Tag kurz bei meiner Oma an; immer auf ihrem Weg von der Arbeit nach Hause. Ich rufe sonst ein bis zwei mal die Woche durch, aktuell gerade häufiger. Sogar mein Vater, der eher nie von sich aus anruft, meldet sich nun hin und wieder bei ihr. Wenn jede*r in unserer Familie sich ab und zu meldet, ist meine Oma gut eingebunden und vernetzt. Jetzt, da sie zur Risikogruppe gehört und die Nachrichten sie verunsichern, werden die Telefonate einfach noch häufiger und wir werden noch stärker miteinander im Gespräch sein. Das tut uns allen gut.

Mit wem habe ich schon lange nicht mehr telefoniert?

Beim Schreiben dieses Textes fällt mir auf, dass ich noch mehr Menschen kenne, die allein leben. Ich nehme mir vor, diese oder jenen in den kommenden Tagen einfach mal wieder anzurufen.
 

Erfahrungen und Ideen aus Kirchengemeinden und anderen Landeskirchen

  • Pastor Seefeld aus der Kirchengemeinde Alt Meteln-Cramon-Groß Trebbow berichtet, dass sie in ihrer Kirchengemeinde verschiedene Wege gehen, um zur jetzigen Zeit mit den Menschen und den Älteren in Kontakt zu bleiben. Dass inbesondere das Telefonieren so großen Anklang findet, hatte er erst gar nicht erwartet. Er versucht von sich aus viele ältere Menschen anzurufen und seine Erfahrung damit ist, dass diese sich unglaublich darüber freuen.
  • Kolleg*innen aus anderen Landeskirchen schreiben von organisierten Telefonketten. Diese lassen sich informell im Kleinen oder auch etwas aufwendiger organisieren. Für letzteres stellt die Erzdiozöse Freiburg eine Anleitung zur Verfügung: hier.
  • Kirsten Leischel, Mitarbeiterin für Ältere Erwachsene der Kirchengemeinde Niendorf, evaluiert derzeit telefonisch die bereits bestehenden Telefonkreise unter den Senioren. Welche Menschen halten schon untereinander Kontakt? Menschen, die noch nicht in dieser Weise eingebunden sind, möchte sie miteinander verknüpfen.
  • Aus den Kirchengemeinden Brunow-Muchow hören wir, dass der Seniorenkreis sind zwar nicht mehr persönlich trifft, aber man untereinander über Telefon und WhatsApp Kontakt hält.
  • Besonders jetzt werden „Besuche am Telefon“ sehr gerne angenommen, so die Erfahrung der Fachstelle „Leben im Alter“ im Kirchenkreis Hamburg-Ost. Es gibt Möglichkeiten, Telefonpatenschaften, Telefonketten oder einen organisierten telefonischen Besuchskreis einzurichten. Wer mehr darüber wissen möchte, der kann sich gerne an Diakon Hajo Witter wenden: Telefon 040 519 000 836, Mail: h.witter@kirche-hamburg-ost.de

► Welche Ideen und Erfahrungen haben Sie mit dem Telefonieren? Schreiben Sie uns und wir ergänzen es gern.