Meine Oma erlernt mit 81 noch das Smartphone, meine Oma ist ´ne ganz patente Frau!

Ein Erfahrungsbericht darüber, wie ich meiner 81jährigen Oma aus der Ferne das Smartphone beibrachte, damit wir uns mit Videotelefonie trotz Kontaktverbot sehen können.

"Meine Oma erlernt mit 81 noch das Smartphone,
Smartphone, Smartphone.
Meine Oma erlernt mit 81 noch das Smartphone,
meine Oma ist ´ne ganz patente Frau!"

 

Die erste Idee für Videotelefonie kam Anfang März auf

Schon mit den ersten Einschränkungen während der Coronazeit, wurde mir klar, dass ich und mein kleiner 2jähriger Sohn meine 81jährige Oma eine ganze Weile vielleicht nicht mehr würden besuchen können. Ich machte mir früh Gedanken, wie wir neben dem Telefonieren, weiterhin Kontakt halten und uns vielleicht auch sehen könnten.

2019 waren wir mit meiner Oma noch zusammen im Urlaub. Die nächste Zeit werden wir uns erst einmal nicht mehr besuchen. Weil sie uns so wichtig ist.

Foto: Nele Tanschus

 

Die Qual der Wahl: Welches Gerät für Videotelefonie nutzen?

Die Idee: Videotelefonie. Also recherchierte ich was das Zeug hält: Festnetztelefone mit Bild, internetfähige Fernseher, Tablets mit Skype, Smartphone.

  • Festnetztelefone mit Bildoption. Beim Festnetztelefon mit Bildoption hatte ich den Eindruck, dass das Bild klein sein könnte und ich war mir unsicher, welche Technik die Menschen am anderen Ende bräuchten. Diese Option gab ich sehr frühzeitig auf.
  • Fernseher mit Internetzugang. Meine Oma besitzt lediglich einen Festnetzanschluss und hatte nie Bedarf für einen Internetanschluss. Ihr Fernseher ist etwas älter und hätte auch keinen Anschluss. Jemand müsste zudem in ihre Wohnung das alles einrichten. Alle WLAN-Geräte fielen demnach schon einmal raus.
  • Tablets gibt es auch mit SIM-Karten-Steckplatz. Diese sind allerdings ungleich teurer. Wir haben noch ein älteres Tablet ohne SIM-Karten-Steckplatz. Dann hätten wir zu diesem einen Homespot Router kaufen müssen und einen monatlichen Vertrag über ca. 20€. Das Tablet hat einige wesentliche Vorteile für ältere Nutzer*innen, die wir vielleicht noch einmal in einem anderen Artikel beleuchten werden.
  • Ein Smartphone. In der Familie hatten wir noch eines über und eine Simkarte ist einfach zu bestellen und zu installieren. Also entschiedenen wir uns für diese Option.

 

Welches Smartphone macht Sinn?

Bei uns wurde es ein etwa 3 Jahre altes iPhone, welches noch Systemupdates erhält. Leider ist das iPhone etwas klein und frikkeliensch zu bedienen. Das Bild bei Videotelefonie und empfangene Bilder werden eher klein dargstellt. Auch die Eingabe bei Nachrichten ist für Ältere eher schwierig. Besser wäre defintiv ein Smartphone mit einem größeren Display!

Es gibt auch spezielle Senioren-Smartphones. Über die haben wir uns keine großen Gedanken gemacht, da wir nur ein Programm nutzen wollten und der Rest uns ersteinmal egal war.

Für wichtig erachte ich:

  • das Smartphone muss noch so aktuell sein, dass es Systemupdates erhält
  • das Display sollte heil sein, damit alles gut lesbar ist
  • das Display sollte eher groß sein, damit gut geschaut und getippt werden kann
  • das Smartphone sollte der oder dem Angehörigen, die/der die Einweisung und Fernhilfe übernimmt, vertraut sein, damit man Hilfe leisten kann. Ich nutze beispielsweise privat ein Androidsystem, habe allerdings ein Dienst-iPhone und kann im Zweifel dort nachschauen, wo was zu finden ist.

 

Welcher Sim-Karten-Tarif?

  • Wir haben einen Datentarif mit einem monatlich kündbaren Vertrag gewählt, falls sich herausstellen sollte, dass meiner Oma das alles zuviel ist und wir es sein lassen.
  • 5GB Datenvolumen sollte erst einmal ausreichen für Bilder und ab und zu Videotelefonie. Ich habe vorher im Internet geprüft, ob die Wohnung meiner Oma auch eine gute Netzabdeckung hat. Das hat sie mit dem gewählten Anbieter.
  • Auch enthält der Vertrag eine Flatrate für Telefonie und SMS. Falls meine Oma später auch mehr darüber telefonieren oder SMS schreiben möchte, dann ginge das problemlos ohne Mehrkosten.
  • Das ganze kostet 8€ im Monat. Diese sind die einzigen Kosten, weil das Smartphone ja gebraucht vorhanden war, und das ist total akzeptabel.

 

Die Vorerfahrungen der Älteren berücksichtigen

Meine Oma hat selbst keine Erfahrungen mit dem Internet gesammelt. Sie besitzt seit vier Jahren ein einfaches Handy mit Tasten und schwarzweiß-Text-Anzeige ohne Kamera. Sie kann damit SMS lesen und beantworten und telefonieren. Farbdisplay, Bilder, Wischen, Kamera, Internet kennt sie nur von ihren Kindern und Enkeln vom Sehen, hat jedoch keine eigene Praxis damit. Sie hat mit diesem neuen System also keinerlei Vorerfahrungen.

 

Die Einrichtung des Smartphones für eine ältere Person

Ich habe für meine Oma das Handy komplett nach bestem Gewissen eingerichtet.

Übersichtlichkeit ist das Ziel. Ein schlichter Bildschirm mit einer App für Nachrichten, Fotos und Videotelefonie. Dazu ein freundlicher, relativ klarer Hintergrund mit Blumen.

Foto: Nele Tanschus

  • Ich habe die Simkarte eingesetzt.
  • Ich habe eine Iphone-ID im Internet angelegt.
     

Programme auf dem Home-Bildschirm:

  • (a) alle, die sie (meines Erachtens) nicht braucht, gelöscht.
  • (b) alle, die sie später vielleicht braucht, auf den rechten Bildschirm gezogen. Gelassen habe ich dort zum Beispiel Fotos und Kamera und in einem extra Ordner so etwas wie Einstellungen, AppStore, Browser oder Programme, die sich nicht löschen ließen.
  • (c) auf dem Home-Bildschirm als einziges Programm habe ich Signal gelassen. Darüber schreiben wir Nachrichten, wir senden Bilder von unserer Familie und nutzen es für Videotelefonie. Warum wir Signal nutzen? Wir halten es derzeit für einen sicheren Messenger.
  • (d) unten auf dem Home-Bildschirm haben wir dann noch Anruferliste, Nachrichten und Telefonbuch/Kontakte. 
     
  • Ich habe die Kontaktdaten unserer Familie ins Adressbuch eingefügt inkl. Bilder der Verwandten.
  • Ich habe die Verwandten, die mit meiner Oma kommunizieren wollen, – sofern sie es noch nicht nutzten – zu Signal eingeladen, damit wir mit ihr der Einfachheit halber nur einen Messenger nutzen.
     

In den Einstellungen habe ich auch allerhand vorgenommen:

  • den Bildschirm schlicht mit einem Tulpenhintergrund ausgestattet. Lilarosa soll ja beruhigen (falls meine Oma aufgeregt sein würde) und Blumen liebt sie. Der Hintergrund ist zum Großteil einfarbig, damit die Appsymbole gut und kontrastreich erkennbar sind.
  • die Kontraste angepasst.
  • die Schriftgröße angepasst.
  • Siri Spracheingabe ausgestellt. Für einige Ältere ist das toll und unterstützend. Für meine Oma habe ich es ersteinmal ausgestellt, damit es sie nicht überfordert.

 

Eine Anleitung für das Smartphone schreiben

Ich habe dann einige Mühe darauf verwendet, meiner Oma eine kleine Betriebsanleitung zusammenzustellen. Dazu haben ich Screenshots von ihrem Handy in verschiedensten Situationen gemacht und mir  diese gemailt und am PC in einem Dokument zusammengstellt und erläutet. Unter anderem: wo was zu finden ist, welche Knöpfen was bedeuten und bewirken, einige Grundregeln.

Inhalte umfassen u.a.

  • den Entsperrcode und den Code für die Simkarte
  • Knöpfe und Öffnungen am Handy
  • Handy entsperren
  • Wischen zwischen den 5 Bildschirmen ausgehend vom Home-Bildschirm
  • Home-Bildschirm
  • Bildschirm mit weiteren Apps (rechts)
  • Bildschirm mit Einstellungen (unten)
  • Telefonbuch = Kontakte
  • Detailsansicht eines Kontakts
  • Programm Signal: öffnen
  • Programm Signal: Nachrichten
  • Programm Signal: Videoanruf starten
  • Programm Signal: Videoanruf bekommen und annehmen
  • Programm Signal: Videotelefonieren
  • Videotelefonieren: Was, wenn der Anrufbildschirm verschwunden
  • Programm Signal: Auf dem Sperrbildschirm erscheint die Info, dass eine Nachricht da ist
  • Programm Signal: Bilder speichern
  • Fotos: gespeicherte Bilder anschauen
  • SMS (Weg über Nachrichten vom Homebildsc hirm)
  • Anrufen (Weg über Hörersymbol vom Homebildschirm)
  • Ordnung halten und Akku sparen
     

Ja, ich weiß… das ist eine ganze Menge. Zu viel und zu überwältigend für den Beginn. Das habe ich mir beim Erstellen auch schon gedacht und Recht sollten Sie und ich behalten. Dazu aber später mehr. Meine Idee war auch eher ein Nachschlagewerk und nicht eine Anleitung alá „wie man jetzt sofort alles auf einmal erlernt“.

 

Die Übergabe des Handys

Bei der Übergabe: Im Beutel mit dabei ist auch ein ermunternder Gruß.

Foto: Nele Tanschus

Wir schickten das Handy nicht mit der Post sondern vereinbarten eine Beutelübergabe im Hausflur mit 2m Sicherheitsabstand. Meine Oma war sehr dankbar, dass die Erstellung der Anleitung am Ende eine Weile gedauert hatte, da sie doch etwas Angst hatte, sich darin einzufuchsen obwohl sie auch eine gute Portion Neugier auf ihrer Seite hatte. Unsere Familie hingegen war aufgeregt und konnte gar nicht abwarten, wann sie denn endlich mit Oma videotelefonieren und ihr Bilder schicken könnten. Täglich gab es von allen Seiten Nachfragen: Wann hat sie denn endlich ihr Smartphone?!!!

 

Die ersten drei Tage mit Smartphone – oder „ich bin mit 81 Jahren wohl zu blöd“

Dann war es soweit. Meine Oma entsperrte ohne Probleme ihr Smartphone und probierte sich herum. Sie las fleißig in der Anleitung. Endlich hatte sie auch ein Smartphone! Die Aufregung und Neugier wandelten sich jedoch ziemlich schnell um zu Überforderung und Frustation. Hier in den Einstellungen verrutscht und schon wusste sie nicht mehr, wie sie zurück kam. „Wo waren jetzt noch mal die Nachrichten zu finden? Meine Finger sind ja viel zu dick und ungeschickt: Ich tippe nur Quatsch! Ich kann das nicht. Ich bin einfach zu blöd.“ Ja, die erste Nacht hat sie fast kein Auge zugetan, weil es sie nicht losließ, dass sie sich nicht zurecht fand und immer wieder versuchte sie doch noch irgendetwas alleine hinzubekommen. Am zweiten Tag hat sie zwischendurch sogar geweint, weil sie so frustriert war, dass es einfach nicht klappen wollte. Die ersten Tage waren nicht einfach und geprägt von Zweifeln, ob sie es jemals lernen würde… Aber ja doch, das würde sie und zwar schneller als gedacht!

 

Wie wir zusammen das Smartphone gemeistert haben

Die Lösung liegt ganz nah: Gemeinsam schaffen wir alles. Ich habe täglich mit meiner Oma telefoniert; über Festnetz zumeist, damit sie parallel die Einstellungen am IPhone vornehmen konnte. Ich habe sie aufgebaut, ermutigt und ich hörte ihr zu und ließ sie mit ihren Sorgen nicht vollkommen allein. Ich berichtete von meinen eigenen Smartphone-Anfängen und dass auch ich vieles nicht von Beginn an wusste und dass ich noch heute andere Menschen oder das Internet nach Lösungen befrage.
Ich erklärte ihr zudem: Im Zweifel immer den Zurück-Pfeil „<“ oben links oder „abbrechen“ wählen oder den runden Knopf für den Home-Bildschirm drücken.
Wir sind miteinander telefonierend Schritt für Schritt zusammen durchgegangen wie sie zu Signal kommt, dass sie dort die Kontakteliste findet und wenn sie auf einen Namen tippt, dass dort der Kommunikationsverlauf mit der Person wie ein endlos langes Stück Papier erscheint. Wir haben wischen geübt. Wir haben zusammen Bilder angeschaut.
Und wir haben verabredet, dass sie die erste Woche nichts anderes übt, als bei Signal unsere Nachrichten und Bilder anzuschauen. Ein Plan, der ihr machbar erschien und mit dem sie leben konnte.

Anworten zu verfassen wollen wir dann in der Woche nach Ostern lernen. Bis dahin wird dann nämlich ein Bildschirmeingabestift bei ihr im Briefkasten gelandet sein. Damit wird es für sie dann hoffentlich einfacher, Texte einzugeben.

 

Wenn die ersten Erfolge sich einstellen, gibt es kein Halten mehr

Nunja. Was ist der aktuelle Stand? Heute ist es genau 5 Tage her, seit das Smartphone bei ihr gelandet ist und unser Vorsatz „Eins mit der Zeit“ (in diesem Fall Nachrichten lesen und Bilder anzschauen und der Rest später) hat sich bereits selbst überholt. Heute rief meine Oma plötzlich mit dem Iphone bei mir an und sie wollte nun wissen, wie sie Anrufe annehmen könne und wie sie selbst anruft. Fotos bei Signal anschauen und Nachrichten lesen könne sie schließlich mittlerweile alleine! Tja, da schau einer an. Nach der ersten anfänglichen Krise, nun dies. Sie ist aufgeregt und frohen Mutes und voller Neugier und Entdeckerdrang und möchte ganz viele neue Funktionen lernen. Ein bisschen bremsen muss ich sie noch. Eins mit der Zeit.

 

Bald kann meine Oma auch Fotos mit dem neuen Smartphone machen und Stück für Stück öffnet sich die neue Welt ein bisschen weiter.

Foto: Nele Tanschus


Mein Resümee zur Mission "Oma lernt das Smartphone zu nutzen"

Alles klappt dann am Ende doch ganz wunderbar. Meine Oma hat mit unserer telefonischen Anleitung schon ihre Kamera ausprobiert und uns ein Foto bei Signal von ihrem Ostertisch geschickt. Sie hat mittlerweile mit allen Verwandten videotelefoniert. Unser Ziel, dass wir über Bilder und Videotelefonie in Kontakt bleiben und wir uns sehen können, haben wir erfolgreich umgesetzt. Sie selbst findet es ganz unglaublich und fragt sich dann und wann, was wohl ihre eigenen Großeltern dazu sagen würden, dass es heutzutage solche Möglichkeiten gibt. Sie empfindet das Smartphone als „ein Tor zu Welt“. Vielleicht muss ich ihr in ein paar Wochen ja bereits das Internet und den AppStore erklären – wer weiß das schon so genau.

Eines steht jedoch fest: Die Gedanken, die Vorbereitung und die Bereitschaft, sich gemeinsam auf etwas neues einzulassen, haben sich gelohnt!
 

"Meine Oma erlernt mit 81 noch das Smartphone,
Smartphone, Smartphone.
Meine Oma erlernt mit 81 noch das Smartphone,
meine Oma ist ´ne ganz patente Frau!"